č.4—ň Trauerbilder II
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Herzdame, 1997, √Ėl auf Leinwand, 78 x 58 cm
aus der Arbeitsfolge "Allgegen-wärtig", 2009: "Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund. Joseph Beuys", Papier-Collage, 29,7 x 21 cm

Trauerbilder II

1997 begegnete auch ich dem Au¬≠tor und Gr√ľnder des Kindler Verlags und konnte mich ihm nie mehr entziehen.

Da√ü ein fast 85j√§hriger Mann mit einem riesigen Le¬≠ben gegen√ľber einer ihm v√∂llig unbekannten Frau Hei¬≠ratsabsichten haben k√∂nnte, lag mir fern zu denken, und so bildete ich mir ein, sein Besuch gelte dem wei¬≠√üen Atelier mit den vielen Bildern von Carl Lambertz und mir.

Helmut Kindler kam nach Gro√ü Wittensee und wu√üte, was er wollte. Mich. Er kannte mich so gut wie nicht. Nat√ľrlich, meine Stimme und Sprache vom Telefon, meine Handschrift von einer Karte mit dem Bild der ¬ĽHerzdame¬ę, das ich gemalt hatte. Und damit kann¬≠te er mich ganz genau. Seine Sorge, ich k√∂nnte viel¬≠leicht zwei Zentner wiegen, entkr√§fteten meine da¬≠mals 55 kg. Ein Foto von mir hatte er nicht. Stark war die Kraft der Vorstellung. Ich hatte seine Autobiogra¬≠phie gelesen - meine Bewunderung und Verehrung waren ihm sicher -, ihn im Fernsehen gesehen, kannte auch seine Stimme von den Telefonaten, war ange¬≠tan und freute mich auf sein Kommen. ‚Ķ

Mehr unbewu√üt nahm ich wahr, als Helmut Kindler mir einen, farblich zum Atelier passend, superwei√üen, opulenten Blumenstrau√ü und Champagnertr√ľffel von Spr√ľngli √ľberreichte, da√ü es ein Hochzeitsstrau√ü war. Da√ü ich meiner zweiten Ganzgro√üenliebe in meinem Leben, meinem zuk√ľnftigen Traum- und Ehemann gegen√ľberstand, ahnte ich noch nicht, und da√ü er, der drei√üig Jahre √Ąltere, mir sieben Jahre sp√§ter schreiben w√ľrde: "Noch nie habe ich eine Frau so geliebt wie Dich ...", hat auch er sich sicherlich nicht ausgemalt. ‚Ķ

Während unserer gemeinsamen Zeit, schon vor der Hochzeit, gab es schöne Erlebnisse, Ereignisse: Helmut Kindler las und erzählte, stellte mich vor, ich bekam Blumen. In Schleswig-Holstein begleitete ich seine Lesungen mit meinen Bildern. Eine passende Kombination. Es machte allen Freude. Wir waren stolz aufeinander. …

Wir blieben gl√ľcklich, um die Wermutstropfen wis¬≠send, die es am Ende zu schlucken galt, bis am 15. September 2008 der Kelch leer war. Durch eine Bronchitis, die die versiegende Lebenskraft meines Mannes nicht abwehren konnte, wurde unsere Ehe beendet.

Von gegenseitiger Liebe √ľberschwemmt, war er beinahe 96 Jahre alt geworden. Mitte 2001 √§u√üerte er: "Ich hoffe, dank Marias Liebe, sagen wir mal, meinen 95. Geburtstag noch zu erleben." Ich h√§tte mir den 100. gew√ľnscht. Seine Absicht, ein Buch mit dem Titel "Liebe einst - Liebe jetzt" zu schreiben, konnte Helmut Kindler, mein Jahrhundertmann, ein Naturereignis, nicht verwirklichen, auch nicht die Weiterf√ľhrung sei¬≠ner Autobiographie mit dem Titel "Fortsetzung". ‚Ķ

Ich danke Helmut Kindler, meinem zweiten Mann, meinem Methusalem, da√ü sein Uralter in Liebe er mir schenkte, die Jahre, die Carl Lambertz, mein erster Mann, mir nicht konnte geben. In grenzenloser Frei¬≠heit und Unendlichkeit die Seelen sich befinden. Kann ich das erf√ľhlen?

ALLES HAT SEINE ZEIT: Der eine nicht ohne den ande¬≠ren. Wir bekamen voneinander, was wir brauchten, als ganz gro√ües Geschenk das Herz dazu. Helmut Kindler gerne mein Hilfsarbeiter war, Zulieferer, Berater, wie er zu sagen pflegte, eine dienende Rolle, die immer er schon hatte, genau wie ich. Als l√§ngst seinen alten Handstock wieder er benutzte, und meinen Arm als St√ľtze, wuchsen wir untergehakt, auch optisch, mehr und mehr zusammen. Nichts Unm√∂gliches von uns verlangten wir, weshalb das Leben uns gelang. Eine Himmelsgabe, Diener zu sein.

Maria Kindler-Reese

Ausz√ľge aus: Allgegenw√§rtig, 2009, S. 8, 10 f, 19 f, 23.

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