Blumenbilder

Als Maria Reese und Carl Lambertz mich baten, ihnen behilflich zu sein bei der Auswahl von Gedichten zu einem Buch über Blumen, da war ich reserviert und skeptisch.

Ich begann in den Seiten von schmalen Lyrikbänden nach Blumen zu suchen. Da konnte doch nichts Großartiges zu finden sein. Doch ganz allmählich und unerwartet fing ich an, Dinge wahrzunehmen, die mich ganz persönlich betrafen und zugleich betroffen machten.

Hinter der bunten Schönheit der Blumen schimmerte immer wieder eine Wahrheit durch, die die Ambivalenz und Gebrochenheit des menschlichen Daseins in seiner ganzen Widersprüchlichkeit faszinierend umreißt. Wie dicht beieinander liegen doch Blühen und Verwelken, Eros und Thanatos.

Ich sehe seitdem auch die Bilder von Maria Reese und Carl Lambertz mit anderen Augen. Die Blumen, zu farbenprächtigen Sträußen arrangiert, sind meist abgeschnitten und dem raschen Vergehen preisgegeben. Aber die Beständigkeit des gemalten Bildes rückt sie aus der Dimension der Zeit in eine Ebene, wo Hoffnung aufkommen kann.

Und ich meine, daß die vorliegenden Blumenbilder und -gedichte uns durchaus etwas zu sagen haben; so wie sie da stehen: jedes für sich, eigenständig und jenseits von Illustration oder bloßer Bildbeschreibung.

Norbert Weber

Aus dem Vorwort zu dem Buch "Blumenbilder" von Maria Reese und Carl Lambertz mit ausgewählten Gedichten, 1979, S. 3.