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Maria Reese, Selbstporträt, 1979, Öl, Leinen auf Holz, 80 x 60 cm

Maria Reese

1942 in Eckernförde geboren.

1961-1966 Studium an der Muthesius Werkkunstschule Kiel.

Von 1962 bis zu seinem Tod 1996 verheiratet mit Carl Lambertz,
ihrem wichtigsten Lehrer.

1998-2008 wieder verheiratet mit dem Autor und Gründer
des Kindler Verlags Helmut Kindler.

Zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen
im In- und Ausland sowie Bilder in öffentlichen und
privaten Sammlungen.

Ich über mich

Eswareinmal in mir lebendig bleibt

1942, im April, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde ich in Eckernförde geboren. Im Mai 1945, als der Krieg zu Ende war, hatten meine Schwester, die 1944 auf die Welt kam, und ich keinen Vater mehr. Im April 1944 war er eingezogen worden und kam nicht mehr aus dem Krieg zurück. Dank der großen Liebe und Fürsorge unserer Mutter wurden wir erwachsen.

An kindlichen Spielen war ich wenig interessiert. Lieber kritzelte ich mit Händen und Füßen Pferde, Kühe und Schafe in die Erde unseres Gartens. Diese Tiere hatte ich bei meinen Großeltern, den Eltern meiner Mutter, in Dänemark gesehen. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, ermöglichte mir meine Mutter, bei dem schwer kriegsbeschädigten Maler Walter Ackermann einmal in der Woche Aquarellunterricht zu nehmen.

Sie hatte mir für meine künftigen Arbeiten eine riesengroße Malmappe geschenkt. Mit ihr unterschied ich mich von allen anderen Kindern. Diese Mappe war mein Erkennungszeichen, mein Schutzschild und Zielscheibe zugleich. Im Winter konnte ich mit ihr nach mir geworfene Schneebälle spielendleicht abwehren. Bei meinem ersten Besuch zum Malunterricht saß Walter Ackermann, beinamputiert, auf einem Gerüst, im Eingang der Schullehrer, und war dabei, eine Ansicht von Eckernförde auf die Wand zu malen. Mein Bild, das ich eine halbe Stunde später unter seiner Anleitung aquarellierte, war ein Stilleben. Es wurde das erste Bild in meiner großen Mappe, die ich jetzt noch stolzer trug.

Jahrzehnte später entwarf ich als Auftragsarbeit einer Getränkefirma für eine Hauswand am Stadteingang von Eckernförde ein Willkommensbild, dessen Größe in meiner Mappe nicht mehr unterzubringen war.

Am 18. März 1960, während eines Ausflugs mit meiner Mutter und Schwester, lernte ich, die ich immer nur das eine im Kopf hatte, Malerin zu werden, den Maler Carl Lambertz kennen.

1961 ging ich an die Muthesius Werkkunstschule, der heutigen Hochschule für Gestaltung, nach Kiel. Ein Jahr danach begann mit einer Liebesbeziehung meine Lebensgemeinschaft mit Carl Lambertz. 1966, nach erfolgreicher Abschlußprüfung in Kiel, betrachtete Carl Lambertz mich, seine Lebensgefährtin, als Kollegin. Wir kritisierten uns gegenseitig. Von da an gab es das Künstlerpaar Carl Lambertz-Maria Reese. Zu unseren gemeinsamen Arbeiten gehörten auch malerische Entwürfe für die Herstellung tibetischer Teppiche für das Jampaling-Camp, ein tibetisches Flüchtlingslager in Nepal, unter der Leitung der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft sozialpädagogischer Initiativen (DASI) in Büdelsdorf. Die Herstellung dieser Teppiche war mit Lebensgrundlage der dort lebenden Menschen.

1985 schrieb Carl Lambertz über mich in einem seiner Bildbände: "Das wichtigste, was Maria mir gab, war, daß sie mich bestätigte, mir Mut machte. Mich beeindruckte ihre Entwicklung: das spielerische Indenraumsetzen, wobei – ganz im Gegensatz zu mir – eines das andere ergibt."

1972 heirateten wir und eröffneten unser Atelier in Groß Wittensee – von Anfang an täglich für Besucher geöffnet –, das wir fünfmal erweiterten. Nach dem Tod meines Mannes 1996 schrieb Erich Maletzke über das Atelier: "Der weiße Kunsttempel am Ufer des Wittensees ist nicht nur eine Produktionsstätte, in der im Laufe der Jahrzehnte unendlich viele Bilder entstanden, er wurde auch eine Art Wallfahrtsort für Tausende von Besuchern."

Mit dem Tod meines Mannes versuchte ich zurechtzukommen, indem ich malte und zeichnete. Das tat ich auch, als ein Jahr später meine Mutter im benachbarten Eckernförde starb und ich nun allein war – bis ich den Verleger und Autor Helmut Kindler am 15. November 1997 kennenlernte und wir am 23. März 1998 heirateten.

Am 15. September 2008 ist Helmut Kindler gestorben.

Ich schaue zurück und gleichzeitig nach vorn – mit dem Satz in Kopf und Herz: "Stark wie der Tod ist die Liebe" (Hoheslied 8,6), den er in Marmor meißeln ließ, zwölf Jahre bevor er starb – und male, zeichne weiter, weiter, weiter …

Es gibt noch viel zu tun.

Maria Kindler-Reese

Aus: Allgegenwärtig. Erinnerung an Helmut Kindler in Text und Bild, Stuttgart: Radius 2009, S. 53-55.