č3HŐ∑ Zauberhaftes
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Abschied, 1970, Siebdruck, 50 x 50 cm
Majestätisch, 1970, kolorierte Zinkätzung, 55 x 56 cm
Der große Zauberer Merlin, 1994, Gouache auf Zeitungspapier, 57 x 47 cm

Zauberhaftes

Ein Schl√ľsselbild ist der Siebdruck "Abschied". Der Magier selbst, im Werk von Carl Lambertz vielgestaltig vorkommend, erhebt sich mit einem fliegenden Stuhl vom sandfarbigen H√ľgel - ein lichtes, blaues Geh√§use im dunklen violettblauen Grund. Ob Zauberer, Zauberin oder archaische G√∂ttin bleibt allerdings offen, und da√ü die Armscharniere Br√ľsten gleichen, ist beim K√ľnstler nicht selten.

Zauberer und Magier, Gaukler und Maschinen bilden eine bedeutende Motivgruppe bei Carl Lambertz. Oft nicht voneinander zu trennen, sind sie hier absurd funktionierende Zwitterwesen aus Ratio und Sinnlosigkeit, geboren aus der Skepsis gegen√ľber den von ihren Maschinen abh√§ngig gewordenen Menschen. Sie leiten √ľber zu den Zauberern und Verf√ľhrern - wie in "Majest√§tisch" -, auf deren Befehl sie rattern und stampfen oder erstarren, die aber auch selbst ein "Mechanisches Sextett" zu bilden verm√∂gen.

"Musizierende Engel", "Engelskonzert" - die Titel sagen es, da√ü sie, die Engel, eine besondere Stellung im Werke von Carl Lambertz einnehmen und wichtige Bildinhalte f√ľr ihn sind. Sie treten nicht nur als Hauptakteure auf, sie f√ľllen auch als kleine Flugfiguren - h√§ufig variiert - viele Bl√§tter des K√ľnstlers.

Eigenwesen sind die Engel, Geister und Boten f√ľr Carl Lambertz. Sie existieren in einer anderen Dimension, in einer autonomen Sph√§re, und sind Mittler zwischen hier und dort. Seine ersten Engel, so berichtet der K√ľnstler, waren auf die gro√üen Kirmesorgeln seiner rheinischen Heimat gemalt und f√ľr den Jungen von nachhaltigem Eindruck. Da√ü sie sich durch eine verborgene Mechanik bewegten, verst√§rkte diese Wirkung. Dazu trat ihr Ausdruck starrer Unber√ľhrbarkeit; auf keinen Fall durfte man sich den Figuren n√§hern. "Auf geheimnisvolle Weise scheinen die Engel unser Schicksal zu lenken, sie erscheinen oft spielerisch, zugleich auch erschreckend."

Schon als Kind, erz√§hlt Carl Lambertz, h√§tten ihn die magisch wirkenden Augen der Kirmesfiguren - oft dilettantisch gemalt - fasziniert, ebenso wie ihre mechanische Bewegung. Mit dem Ornamentstil finden sich erste F√ľhler-Tastformen ein, die von nun an oft im Werk als Zeichen vorkommen. Unverzichtbare Symbole, immer wieder abgewandelt, erscheinen sie als Stengelaugen, Volutenaugen, F√ľhler, als schwankende, biegsame Tastruten. Vieldeutig, wechselnd, geheimnisvoll ist ihre Funktion; immer aber sind sie beharrliche Beobachter. Ihre Bedeutung, ihr Aussagewert entspricht ihrer Beziehung und ornamentalen Verstrickung im Bildganzen.

Aber die Hauptperson ist der Zauberer. Zauberer sind f√ľr Carl Lambertz auch W√§chter, Priester oder Scharlatane. Letztere treten naiv, einf√§ltig verspielt und etwas l√§cherlich auf. Magier, Zauberer, Schamanen, W√§chter, mit ihnen meint Carl Lambertz ein Prinzip: sie alle sind Zauberer, die im Beschauer Ahnungen wecken von bisher unvorstellbaren M√∂glichkeiten. Sie alle wissen um die Schw√§chen der Menschen: vom kleinen Scharlatan l√§√üt man sich schmunzelnd verf√ľhren, vom Priester und Magier beschw√∂ren und andere - metaphysische - Bereiche √∂ffnen.

Oft leuchten in den Bildern von Carl Lambertz Augen auf, verfolgend, beobachtend, starr. Augen in Punktformen, als Kreise, Knöpfe, Röhrenenden, konkretisiert als Augen, als Augenformen, als verselbständigte Formen, als Fixpunkte der Aussage, als Haltepunkte der Komposition, als Spannungspunkte der Konzentration: Radarpole in der Aufnahme der Spannungsfelder.

Die Architektur des Bildganzen, das Gebaute, spielt bei Carl Lambertz eine gro√üe Rolle. Die Bilder der letzten Jahre besonders sind nach einem strengen Kanon geordnet; er setzt gerne archaische Strukturen als Ordnungsh√ľter ein. Die Formen scheinen oft spielerisch gefunden und gehandhabt - aber er spricht von Schwerarbeit: "Malen ist Schwerarbeit f√ľr mich, alles f√§llt sofort auf, was nicht klar, streng, durchgebildet ist. Nichts darf unklar bleiben."

Dieses ordnende Spiel macht das Schreckliche, das B√∂sartige, das Un-Menschliche ertr√§glich. Ertragen l√§√üt es sich mit dem ironischen L√§cheln des homo ludens. Er allein vermag das Grauen, die Triebe, die Technik der modernen Zerst√∂rung, die √Ąngste zu bew√§ltigen und die Welt in eine bewohnbare zu verwandeln. Das intuitive Wissen um diese abgr√ľndige Wirklichkeit, seine Erfahrungen und Ahnungen lassen Carl Lambertz sagen:

"Man kann den Menschen nicht √§ndern. Der Weg, um zu √ľberleben und die Ur√§ngste zu bannen, ist f√ľr mich die Flucht in die Welt des Traumes, in das Surreale und in das ironische Spiel, in den spielerischen Todernst und in die Ordnung - sie ist mir Gesetz. Die ungeordnete Natur bedeutet f√ľr mich Chaos und Bedrohung. Ich mu√ü aus innerem Zwang Ordnung gegen die blinde Grausamkeit der Natur setzen. Mit meinen Waffen, mit Linie, Farbe, Form, Bild, Intuition und Traum, k√§mpfe ich f√ľr den Aufbau von Ordnungen gegen das Chaos. Es ist ein immerw√§hrender Kampf gegen die D√§monen, gegen die √Ąngste, gegen die Ur-Angst. In der chaotischen Natur ist auch der Mensch eingeschlossen mit seinen Trieben. Triebmenschen sind es, die immer wieder die gro√üen Katastrophen verursachen. Gegen die Aggressivit√§t der chaotischen Welt setze ich das Geordnete, das Geb√§ndigte, in spielerisches Tun Eingebundene. Es ist unterworfen einer √Ąsthetik, die Humanit√§t vermitteln soll."

Das Zitat erkl√§rt seine Formenwelt und Antriebe. Die gef√§hrlich triebhafte Natur wird oft in Zauberk√§sten eingeschlossen und erst geordnet wieder entlassen. 

Aus: Karl-Heinz Hoyer, Carl Lambertz, S. 83, 86, 94, 97 ff, 103; dort auch die hier nicht wiedergegebenen Bilder.

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