čďDlĽ Der Bild- und Klangt√∂ner
Sie sind hier: Carl Lambertz / Der Bild- und Klangt√∂ner
Engelskonzert, 1969/70, kolorierte Radierung, 27 x 44 cm
Mechanisches Sextett, 1974, kolorierte Zinkätzung, 45 x 67,5 cm

Das Wesen Klang sichtbar machen

Carl Lambertz, der Bild- und Klang-Töner vom Wittensee

Fr√ľh begann f√ľr den heutigen Altmeister am Wittensee, Carl Lambertz, am Niederrhein 1910 geboren, die Realit√§t: Als √Ąltester von vier Geschwistern, aufgewachsen unter bedr√ľckenden Bedingungen in einem schwierigen Elternhaus, mu√üte er bald f√ľr den Unterhalt der Familie mitsorgen. Das Klavier, auf dem Carl schon als Kind unerm√ľdlich gespielt hatte, wurde verkauft, aber die Traum-Musik, die er vernahm, lie√ü sich nicht verdr√§ngen. Hingebungsvoll lauschte er einem fernen Klavierspiel, sa√ü stundenlang im Treppenhaus, um versonnen den Ton√ľbungen der Nachbarskinder zu lauschen. Mit Phantasie entwickelte er eigene Musikinstrumente. Der Zehnj√§hrige bespannte Zigarrenkisten und andere hohle Beh√§ltnisse mit Dr√§hten und alten Darmsaiten und entlockte ihnen T√∂ne und einfache Tonfolgen. Stundenlang spielte er sie gl√ľcklich - f√ľr sich.

"Jeder Ton hatte f√ľr mich seine eigene Sch√∂nheit. Heute wei√ü ich, es war ein Lauschen in die Urmusik", erz√§hlte der Maler.

Diese Urmusik, das Lauschen in sie hinein und der Versuch, sie ins Bild umzusetzen, blieb eines seiner Anliegen. Die Musik spielt im Leben und Arbeiten des K√ľnstlers eine gro√üe Rolle bis zur Stunde.

Doch zun√§chst galt es, die Wirklichkeit zu erfassen. Die Auseinandersetzung des gelernten Kirchenmalers mit der "Neuen Sachlichkeit‚Äú der zwanziger und fr√ľhen drei√üiger Jahre in D√ľsseldorf bedeutete f√ľr Carl Lambertz eine Schule der Exaktheit. Seine Pr√§zision, sein Hang zur formalen Klarheit, zur minuti√∂sen Ausf√ľhrung haben hier ihren Ursprung.

W√§hrend der Akademiezeit malt und zeichnet der K√ľnstler Landschaften, meist aber Figuren, Akte, K√∂pfe und ... Musizierende. So die "Cellospielerin", eine R√∂telzeichnung von 1936/37. "Doch erklang noch nicht die Musik, die in mir war. Und nach dem Krieg - ich √ľberstand ihn als Marinesoldat in Eckernf√∂rde - blieb ich in Schleswig-Holstein, in Gro√ü Wittensee und malte eine 'heile' Welt."

Aber begleitend entstanden doch realistisch-eindringliche graphische Dokumente der Unmenschlichkeit. Die Landschaften von Wittensee schließen sich denen vom Niederrhein an: reizvolle malerische Tafeln - und wieder eine Musik machende "Cäcilia" von 1954, ein melancholisch-sentimental-starres Klavier spielendes Geschöpf. Das klimpert - mehr nicht.

Diese Lithographie zeigt aber die Hinwendung zur Fl√§che, die M√∂glichkeit der Wendung zur Abstraktion. Diese wird vollzogen in seinem "ornamentalen" Stil, der sich dann sp√§ter im "geometrischen" noch steigert. Die ersten "mechanischen" Musikgruppen entstehen, so die "Musizierenden Figuren", ein M√∂rtelplattenbild von 1968, die dann zu den "Musizierenden Engeln", zum "Engelskonzert" und zu dem "Mechanischen Sextett" f√ľhren.

"Das war es, nur so kann ich die Musik, die in mir ist, im Bild zum Tönen bringen, das Wesen Klang sichtbar machen, durch stark abstrahierte Verwandlung. Eine Verwandlung der starren Figuren an den Kirmesorgeln meiner rheinischen Heimat, die mich als Junge so beeindruckten...", so Carl Lambertz.

Im "Engelskonzert" (1969/70), eine kolorierte Radierung, schwebt ein Rotorengel mit Harfe √ľber einem Zwitterding aus Spinett, Drehorgel und Laterna magica, bespielt von einer Engelsmarionette. Ihre Haare und schalartigen Fl√ľgel bewegen sich nach der Musik: melancholisch, klingelnd, surrend, √ľbersinnenhaft. Links und rechts trommelt, rummelt und bl√§st es, scharf, gef√§hrlich, wahrhaft eine Musik aus einer anderen, f√ľr den Irdischen nicht ganz ungef√§hrlichen Welt.

In sechs schmalen gleichhohen Geh√§usen steht ein "Mechanisches Sextett" mit Gitarre, Trompete, Ba√ügeige, Triangel, Schlagzeug, Saxophon. Alle agieren im surrealen √úbermut. Alle verstr√∂men T√∂ne, machen Musik, aber was f√ľr eine! Schr√§ge, diagonale - es hupt und tingelt der Betrachter h√∂rt Urt√∂ne, wie auch in dem Bild "Vor den Mauern von Jericho" (um 1975).

"Bei Johann Sebastian Bach höre ich das, was ich sehe und male", sagt Carl Lambertz, "Aufbau, Ordnung, Gesetzhaftigkeit und Bildform ..."

Aber eine Bachsche Musik (wie bei Hans Jaenisch) ist es nicht. Es ist die eines Orff, es sind urt√∂nige Kl√§nge, ein schr√§ger Jazz, ein br√ľllendes Kreischen, ein Donner, ein Qu√§ken, ein Blasen. Es sind die Ton-Bilder der Moderne √ľberhaupt.

Karl-Heinz Hoyer

In: Festival-Zeitung, Jahrgang 1993, Seite 6 (Sonnabend, 17. Juli 1993); wieder abgedruckt in: Maria Reese, In Bildern dr√ľckt sich meine Trauer aus. Abschied von meinem Mann, dem Maler Carl Lambertz, Stuttgart: Radius 200, S. 144 f.; dort auch die hier nicht wiedergegebenen Bilder.

Ö;Ź-ďD