čč3tŐ Bedrohliche Zeiten
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M√§nner mit Masken, 1945, schwarze Kreide, 2. Fassung, 1. Fassung in der Irrenanstalt des Gef√§ngnisses Klingelp√ľtz/K√∂ln, 25 x 34 cm

Bedrohliche Zeiten

"Ich lernte Freunde kennen, die mir halfen, die mich aber auch in Anschauung und Lebensart verwirrten. Dazu kam die Nazizeit, die 1930 aktiv begann mit Aufmärschen, Rivalitäten, Krawall. Ich weiß noch, daß ich mich sehr ärgerte, wenn in der Presse von den großen Demonstrationen der Arbeitslosen, der Hungernden, der Sozialisten kaum Kenntnis genommen wurde.

Die Nazis wurden immer brutaler. 1933 waren sie an der Macht. Eine Protestzeitung wurde gegr√ľndet. Ich begann, f√ľr diese Zeitung Zeichnungen mit politischen Themen zu machen. Das ging so bis 1935. Als kein Druck mehr m√∂glich war, wurden Flugbl√§tter in Handabz√ľgen in meinem Atelier hergestellt.

Man verriet mich, ich wurde verhaftet. Sechzehn von unserer Widerstandsgruppe, von den Protestlern und Sozialisten, die wir waren, kamen um, wurden mi√ühandelt, ermordet, hingerichtet. Ich wurde oft zusammengeschlagen, aber meine Sturheit rettete mich. Ich gab nichts zu. Eine schreckliche Situation. Ich leide noch unter diesem Erlebnis. Ein Albtraum, der mich bis heute zwischen Traum und Wachsein √ľberf√§llt.

Dreieinhalb Jahre Zuchthaus wurden beantragt. Ich spielte den Verr√ľckten. Viel brauchte es auch nicht mehr dazu. Die Geisteskrankenabteilung des Klingelp√ľtz in K√∂ln nahm mich auf zur Untersuchung. Wenn ich das noch einmal beschreiben m√ľ√üte, wie es dort zuging, m√ľ√üte ich erneut um meinen Zustand f√ľrchten.

Wieder und wieder Gestapoverh√∂re, knarrende Stiefel, Zuknallen von Eisent√ľren - ich war jung, hatte Wut auf die Nazis und hielt auch hier meinen Mund nicht immer, und es gab dann besondere Schwierigkeiten. Schlie√ülich sah man doch wohl den unzurechnungsf√§higen K√ľnstler in mir und die ganze Sache als nicht so schlimm an - oder weshalb auch immer, ich konnte gehen ... Aber die gro√üe Angst blieb, bis Kriegsschlu√ü - auch als Soldat wurde ich immer √ľberwacht. Ein Leben hinter Masken."

Masken weisen auf die sp√§teren starren, ornamentalen K√∂pfe seiner Kirmesfiguren - in ihnen zeigt sich fr√ľh die Lust am Skurrilen und der doppelsinnig trauernde Humor.

Aus: Karl-Heinz Hoyer, Carl Lambertz, S. 22 f.

Diese Zeichnungen (gemeint sind "Unterm Kreuz" und "Die Rache" bzw. "Unter der Eiche") sind alle ohne Modell und aus dem Ged√§chtnis gemacht worden, bevor ich die Akademie besuchte. Ich wei√ü noch, da√ü ich f√ľr das Bild in der Zelle meine Schuhe auszog, meine F√ľ√üe verkrampfte und studierte. Da rasselte die Eisent√ľr der Zelle. Der W√§rter stand neben mir und fragte mi√ütrauisch: "Was machen Sie denn da?" ...

Mein Kopf schmerzte, brannte und stand in Flammen. Jetzt taten mir auch die Ohren weh, als wenn etwas darin explodieren wollte. Ich sah auf meine Zeichnungen und war verzweifelt. Sie gefielen mir gar nicht und stellten nicht das dar, was ich eigentlich dachte. Mir kamen Zweifel: War es der Stil der Verkleidung, den ich benutzte? Oder war es die Unzul√§nglichkeit meines K√∂nnens? Eine tiefe D√ľsternis befiel mich.

Ich nahm Blatt f√ľr Blatt, betrachtete jedes und zerri√ü alles, was ich bisher hier im Gef√§ngnis gezeichnet hatte. Dr. Kapp schimpfte mit mir: "Ihre Zeichnungen sind Eigentum dieser Anstalt." Er lie√ü vom W√§rter die Fetzen zusammentragen und nahm sie mit. Wie ich h√∂rte, waren die Kalfakter damit besch√§ftigt, diese zerrissenen Bl√§tter wie bei einem Puzzle wieder zusammenzusetzen.

Später, 1945, habe ich die von mir zerstörten Bilder noch einmal aus dem Gedächtnis gezeichnet.

Carl Lambertz

Aus: Schmetterling, warum trägst Du Schwarz? Autobiografische Skizzen, 1993, S. 66, 68; dort auch die hier nicht wiedergegebenen Bilder.

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