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Bubble-Gum-Ballett, 1982/83, Gouache, 60 x 79 cm
Bubble-Gum-Venus, 1982, ├ľl, 92 x 118 cm

Bubble-Gum-Bilder

Die R├╝ckkehr zu einer realeren Hintergrundlandschaft steht im Zusammenhang mit einer neuen Mutation, den "Bubble-Gum"-Formen. Die Maschinenwesen sind zerst├Ârt, die harte Mechanik ist aufgeweicht; die Wendung zu den mehr Fa├čbaren, aber Formlosen, Qualligen, Gleichg├╝ltig-Schwammigen zeigt den Deformationsproze├č.

Dennoch gestaltet Carl Lambertz diese Gestaltlosen, die Bubble-Gums, genauso streng wie eh und je, aus der Formaufweichung entstehen neue Formen, die der Architektur des Bildganzen, seinem Kanon, unterworfen sind. "Nichts darf unklar bleiben", sagt er immer wieder. R├╝ckkehr oder besser: Wiederkehr, aber unter anderen Vorzeichen, eben: Wandlung.

So gibt es jetzt Hintergrundlandschaften, und sie hei├čen "In den H├╝ttener Bergen" oder "Landschaft mit wei├čer Wolke". Auf den ersten Blick gleichen sie den Landschaften des Anfangs, doch sind sie sublimer, von einer neuen Transparenz. Der Realismus des Magiers Carl Lambertz zaubert Geh├Âlze, B├Ąume und Str├Ąucher hervor, die bei n├Ąherer Betrachtung zusammengepre├čte Bubble-Gums, Kulissenscheiben, sind.

Ausblick (1985)

Es gibt bei Carl Lambertz keinen Altersstil. Seine Aussagen, die gro├čen Metaphern, sind in immerw├Ąhrender Wandlung und wachsen ihm zu wie seine Jahre. Kunst ist ihm Mittel steter Ver├Ąnderung, auch M├Âglichkeit, Ver├Ąnderung dem Bewu├čtsein zug├Ąnglich zu machen.

Carl Lambertz beschreitet den Weg der Ahnungen; die Bildideen kommen ihm zwischen Traum und Tag. Er versenkt sich in fr├╝he Kulturen, archaische Welten, Religionen, irrationale Kunstleistungen - und ├╝bernimmt aus ihnen, was er f├╝r seine Realisationen brauchen kann. So gelingt ihm die Synthese aus den Zeichen unserer Welt und den Archetypen von Naturv├Âlkern; er schafft Verbindung zwischen dem Vergangenen und der heutigen Industriegesellschaft, schl├Ągt die Br├╝cke von naturverbundener Magie zum Computerzeitalter.

Seine Visionen stammen aus der Vergewaltigung der Natur durch Menschenautomaten, kybernetische Maschinenwesen, deren biologisch-technischen Neuz├╝chtungen die Zukunft geh├Ârt, eine interplanetarische Zukunft, bereit f├╝r das letzte Abenteuer des Menschen.

F├╝r ihn ist der Mensch programmiert; Gut und B├Âse sind die Kr├Ąfte, die anziehend und absto├čend ihn in der Gewalt haben. Er kann seinem Schicksal nicht entrinnen. Die Darstellung dieser finsteren M├Ąchte kann man auch bei Bettina von Arnim sehen, die mit kalter Perfektion futuristische Astronautenmonster abbildet. Hier ist von humoriger Verfremdung oder gar Spiel aber nichts zu sp├╝ren.

Das kann nicht der Weg sein, den Carl Lambertz - auch ein Ankl├Ąger - geht: bei ihm agieren Formen und Farben, ert├Ânen die Posaunen von Jericho, treiben Automatenwesen ernst-heiteren Unsinn auf Bildgr├╝nden von ├Ąsthetischer Raffinesse, in pr├Ąziser Ordnung. Wer will behaupten, da├č hier Probleme verniedlicht werden?

Auch Lambertz' Zeichen tragen Menetekel-Charakter. Schock und Gewalttat in ihrer Direktheit wird man allerdings vergebens in seinen Bildern suchen; er arbeitet hintersinnig, und die Aussagekraft seiner Zeichensprache erschlie├čt sich dem nachdenklichen Betrachter erst nach geduldigem Studium.

Am Anfang wird die Erkenntnis stehen, da├č es hier um Kunst geht, nicht um vordergr├╝ndige Zeitkritik. "Die ├ästhetik ist mir wichtig", sagt Carl Lambertz, "sie ist eine Disziplin zur Vermenschlichung und L├Ąuterung, ein Lernproze├č. Ich setze sie gegen die Aggression, f├╝r die Humanit├Ąt." "Diese Wach-Traum-Realisierung ist f├╝r mich ein todernstes Problem, ich hole hier noch einmal die Urformen heraus, wie sie eine nicht vergewaltigte Natur haben k├Ânnte. Ich klage hier nicht an, ich gebe Symbole f├╝r gesellschaftliche Bedr├Ąngnis, ich lege einfach den Untergang dar, das ist meine Anklage. Es sind die Probleme des Ausdr├╝ckens ... dies ist mein Problem."

Und Carl Lambertz bew├Ąltigt es ├Ąsthetisch auch im Untergang mit malerischer Delikatesse und sublimem Formgef├╝hl, ein Zauberer in seiner Pinself├╝hrung, dessen Phantasie groteske Unget├╝me in die wunderbarsten Farben kleidet.

Aus: Karl-Heinz Hoyer, Carl Lambertz, S. 160 ff; dort auch die hier nicht wiedergegebenen Bilder.

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